Ulli Nissen

Ulli Nissen, MdB, Frankfurt, liest Bertolt Brecht, Fragen eines lesenden Arbeiters:

Brecht schrieb dieses Gedicht 1935 im Exil in Dänemark. Es wurde erstmals 1936 in der Zeitschrift „Das Wort“ in Moskau veröffentlicht. Der Autor fügte es in zwei weitere Zusammenstellungen ein: einmal 1944 in „Gedichte im Exil in den USA“, dann 1949 in die „Kalendergeschichten“.

Anregungen für sein Gedicht fand er unter anderem bei B. Traven. In dessen Roman Das Totenschiff heißt es: „Was würde Cäsar mit seinen Armeen machen, wenn er keine Unteroffiziere hätte?“; B. Traven: Das Totenschiff. Büchergilde Gutenberg, Berlin 1926, S. 206.

 

 

 

 

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fragen_eines_lesenden_Arbeiters in der Fassung vom 29.04.2020

Fragen eines lesenden Arbeiters

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon,
Wer baute es so viele Male auf ? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang,
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte,
So viele Fragen.

 

Quelle: Brecht, Bertolt; Kalendergeschichten, Reinbek: Rowohlt; Copyright Gebrüder Weiss Verlag, Dreieich (1953). Ausgewählt und vorgeschlagen von Irmgard Rathsmann-Sponsel.

 

 

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