Grußwort von Prof. Dr. Werner Ruf zum 75. Geburtstag der VVN-BdA Frankfurt

14. Juli 2021

Meinen ganz herzlichen Glückwunsch zu diesem Feiertag!

Dazu der Dank für die in den drei Vierteln eines Jahrhunderts geleistete wichtige Arbeit.

Für die vor uns stehenden weiteren Jahrzehnte wünsche ich Euch viel Mut und Kraft, denn es sieht ganz danach aus, dass die VVN-BdA – leider – noch dringend gebraucht wird.

Mit ganz herzlichen Grüßen

Werner Ruf

22. Juni 2021 – 80. Jahrestag des Überfalls der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion

13. Juli 2021

„Vernichtung des Bolschewistischen Weltjudentums“ war das Ziel der deutschen Faschisten in enger Zusammenarbeit mit Industrie und Finanzkapital – nachzulesen seit 1923

Der Zweite Weltkrieg, im Namen des Führers mit breiter Unterstützung aus der Bevölkerung, forderte über 60 Millionen Todesopfer, alleine die Sowjetunion hat über 27 Millionen Tote zu beklagen.

Mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion wurde Tür und Tor aufgestoßen, den Untermenschen, die Russen zu vernichten.

Zivilbevölkerung und sowjetische Kriegsgefangene ließ man einfach verhungern, in Konzentrationslagern liquidieren und durch Arbeitseinsätze vernichten. 

Es fällt schwer, mit diesem Hintergrund und der aktuellen Politik, heute hier zu sprechen. Doch es ist für uns selbstverständlich, dass wir aus der Geschichte lernend bereit sind, uns in der Gegenwart für die Zukunft zu engagieren.

Wir können und wollen keine Wiedergutmachung mit diffusen und scheinheiligen  Aktionen der „Schuld-Entlastung“ mitbetreiben. 

Wir  arbeiten  gegen das Vergessen, gegen Völkermord und Krieg

Das heißt auch: aktuell allen Hochrüstungs- und Kriegstendenzen, vor allem gegen Russland, entgegenzutreten. 

Es langt nicht, dass endlich nach 80 Jahren hochrangige Politiker in Berlin das Verbrechen vom 22. Juni 1941 verurteilen. 

Eine konkrete Friedenspolitik muss entwickelt und umgesetzt werden, damit kein Mensch mehr Angst vor Krieg, Faschismus, Vernichtung und Verfolgung haben muss. 

1962, wir waren auf der Rückreise von Helsinki und wurden auf dem Bahnhof in Leningrad von einer betagten Sowjetbürgerin herzlich begrüßt. Sie nahm uns in den Arm und sagte unter Tränen: „Ich bin glücklich so viele junge deutsche Menschen hier zu sehen. 

Ich habe als Einzige aus der Familie hier in Leningrad überlebt. 

Ihr seid für mich, seid für uns, die beste Wiedergutmachung. Ihr gebt uns Kraft und Hoffnung für das Weiterleben – und, dass deutsch nicht gleich Faschismus ist.“ 

Am 24. Oktober 1964 wurde das Denkmal an der Rückseite der Paulskirche mit einer Feierstunde in der Paulskirche der Öffentlichkeit übergeben.

Der Stadtverordnetenvorsteher Kraft sagte damals: „Die Mörder sind heute noch unter uns“. „Wir sind mit dieser Vergangenheit noch nicht fertig“. 

Wie wahr – auch 2021. 

Ich lese jetzt, stellvertretend für die Millionen Geächteten, Gequälten und Ermordeten das Schicksal der „Fremdarbeiterin“ Valentina Archipowa.

Die meisten ausländischen Frauen und Männer mußten in der deutschen Industrie arbeiten. Andere wurden in der Landwirtschaft eingesetzt, um die eingezogenen deutschen Arbeiter zu ersetzen. Eine von den Frauen, die auf Bauernhöfen arbeiten mußten, war Valentina Archipowa.

Valentina Archipowa, geborene Wolkowa, wurde am 17. Mai 1919 in Saratow in der Sowjetunion geboren. 1935 heiratete sie in Stalingrad Michael Archipowa, den sie als Schaffnerin bei der Eisenbahn kennengelernt hatte.

Sie hatte zwei Kinder. Am 27. April 1942 unterschrieb sie eine Arbeitsverpflichtung für das faschistische Deutschland. Sie war zu der Zeit von ihrer Familie getrennt und hatte keine Möglichkeit, zu ihr zurückzukehren, da der Krieg ausgebrochen war. Valentina Archipowa kam am 4. Mai 1942 mit einem „Ostarbeitertransport“ nach Frankfurt am Main und wurde sofort der Witwe Rosina Bayer als Zwangsarbeiterin zugeteilt. Mehr als ein Dutzend Ostarbeiterinnen arbeiteten in dem Stadtteil Sindlingen, zumeist in der Landwirtschaft und ihre Versorgung mit Textilien war, wie bei allen Ostarbeitern i Deutschland, völlig unzureichend.

Bei einem Angriff in der Nacht vom 12. Zum 13. August 1942 verwüstete eine Brandbombe das Haus der Frau Bayer. Valentina Archipowa half mit, den Brand zu löschen, bei dem vermutlich ein großer Teil an Gegenständen der Frau Bayer verbrannten. Am darauffolgenden Tag fand Valentina Archipowa unter dem Schutt, der im Hof zurückgeblieben war, 2 Meter angebrannten Damast und 1 Meter Linon Stoff. Sie versteckte die Stoffe und nahm sie mit, als sie kurze Zeit später auf einen anderen Bauernhof wechselte. Dort tauschte sie den Stoff bei einem Polen, der ebenfalls auf einem Bauernhof arbeitete, gegen einen gebrauchten Mantel ein.

Der stellvertretende Ortsgruppenleiter, Hans Berninger, erfuhr durch einen Zufall von dem Tausch und erstattete gegen die 23 jährige Valentina Archipowa Anzeige wegen Diebstahlsverdacht. Valentina Archipowa wurde verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Ihr wurde ein weitaus größerer Diebstahl und ein einträgliches Geschäft mit weiteren Wäschegegenständen der Witwe Bayer angelastet.

Im Schlußbericht der Gestapo vom 2. November 1942 war dann zum ersten Mal die Rede von „Plünderung“. (Auf Plünderung stand nach der „Volksschädlingsverordnung“ der Tod).

Die Gestapo, deren Sitz in der Lindenstraße 27 war, „verhörte“ Valentina Archipowa, wohl in der Hoffnung, etwas mehr herauszuholen als Plünderung von 2 Meter Stoff. Valentina Archipowa blieb bei ihrer Aussage, daß sie aus einem verbrannten Stoffballen ein noch verwendbares Stück herausgetrennt habe, zusätzlich zu einem Meter Hemdstoff.

Die Methoden der „Vernehmung“ sind bekannt. Im Protokoll der Gestapo vom 29. April 1943 heißt es: „Vernehmung mußte wegen Unwohlsein der Archipowa abgebrochen werden“.

Am 21. Juli 1943 fand die Verhandlung des Frankfurter Sondergerichtes statt. Der Assessor Pütz beantragte die Todesstrafe.

Das Urteil lautete: 

„Im Namen des deutschen Volkes! Die Angeklagte hat am 13. August 1942 in Frankfurt-Sindlingen nach einem Fliegerangriff geplündert und mindestens 2 m Damast sowie 1 m Linon gestohlen. Sie wird deshalb als Volksschädling zum Tode verurteilt. Die bürgerlichen Rechte werden ihr auf Lebenszeit aberkannt.“ (Sondergerichtsakte 86/43).

Der Pflichtverteidiger Valentina Archipowas reichte ein Gnadengesuch ein. Nach 6 Wochen Wartezeit in der Todeszelle erfährt Valentina Archipowa, daß das Gnadengesuch abgelehnt wurde. Fünf Stunden später wurde sie in der Haftanstalt Preungesheim hingerichtet.“

Quelle „Frauen und Frankfurt“ von Barbara Bromberger und Katja Mausbach, S. 79/80.

Wir werden sie nie vergessen: Ehrenpräsidentin Esther Bejarano gestorben

10. Juli 2021

von: https://vvn-bda.de/wir-werden-sie-nie-vergessen-ehrenpraesidentin-esther-bejarano-gestorben/

Heute Nacht ist unsere Ehrenpräsidentin Esther Bejarano ruhig und friedlich eingeschlafen.

Wir alle kannten Sie als eine Frau von großer Entschiedenheit und geradezu unglaublichem Elan, die viele von uns noch bis vor kurzem auf der großen Bühne erleben durften. Zuletzt saß sie am 8. Mai auf unserer kleinen Bühne im Hamburger Gängeviertel und erzählte von ihrer Befreiung am 3. Mai 1945 durch Soldaten der Roten Armee und der US-Armee, die kurz nacheinander in der kleinen Stadt Lübsz eintrafen. Dort hatte Esther mit einigen Freundinnen aus dem KZ Ravensbrück Unterschlupf gefunden, nachdem sie gemeinsam dem Todesmarsch entflohen waren.

Wenige Tage zuvor, am 3. Mai, den sie ihren zweiten Geburtstag nannte, hat Esther sich noch mit einer Video-Botschaft zum Tag der Befreiung an uns alle gewendet. Darin bezog sie noch einmal deutlich Stellung zu aktuellen Auseinandersetzungen in der Stadt Hamburg und im ganzen Land. Obwohl sie dabei schon im Rollstuhl saß, waren ihre Worte klar und ihre Stimme kräftig:

https://www.auschwitz-komitee.de/5249/esther-bejarano-wir-sind-da-meine-befreiung-im-mai-1945-und-meine-hoffnungen/

Wir verdanken Esther viel; sie war immer da, wenn wir sie brauchten.

Als 1990 zum ersten Mal ein Bundessprecher:innenkreis gewählt werden sollte und dafür Personen gesucht wurden, die Tradition und „Neuanfang“ verkörperten, stand sie dafür zur Verfügung und wurde eine unserer ersten Bundessprecherinnen in einer Zeit, in der wir der Diffamierung des Antifaschismus als „diskreditiert“ und „überkommen“ entgegentreten mussten. Sie hat einen großen Anteil daran, dass das gelungen ist.

Zum 50. Geburtstag der VVN richtete sie zusammen mit Peter Gingold einen bewegenden „Appell an die Jugend“:

https://perlavitamovie.files.wordpress.com/2013/08/appell-an-die-jugend-vers-2005-esther-bejarano-und-peter-gingold-doc.pdf

Als im November 2019 das Finanzamt für Körperschaften in Berlin unsere Gemeinnützigkeit bestritt, schritt sie mit ihrem flammenden Appell an Olaf Scholz „Das Haus brennt und Sie sperren die Feuerwehr aus“ ein und verbreiterte die öffentliche Debatte. Damit hat sie wesentlich zu unserem Erfolg in dieser Auseinandersetzung beigetragen.

Nun ist die unermüdliche „Zeitzeugin“ gegen Vergessen des historischen und Verharmlosen des aktuellen Faschismus, Mahnerin und Kämpferin für Menschenrechte, Frieden und eine solidarische Gesellschaft von uns gegangen. Sie wird uns fehlen, vielen von uns auch als verlässliche Freundin.

Wir denken ans sie in Dankbarkeit, Trauer und Liebe.

Nehmen wir ihre letzte öffentliche Botschaft als Vermächtnis und arbeiten wir weiter daran, dass der 8. Mai endlich auch in Deutschland ein Feiertag wird, so wie sie es in ihrer Rede am 3. Mai noch einmal vorgetragen hat:

„Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschla­gung des NS-Regimes. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit.“

75 Jahre VVN – Open-Air-Veranstaltung der hessischen VVN-BdA in Kooperation mit der Brotfabrik – Kulturprojekt 21 e. V.

4. Juli 2021

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